«Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.» (S.7, ‘Der Process’ von F. Kafka). Dieser weltberühmte Satz ist der Beginn des Romans ‘Der Process’, veröffentlicht 1925 und geschrieben vom Autor Franz Kafka. Im Rahmen des Deutschunterrichtes haben meine Klasse und ich uns mit dem Roman auseinandergesetzt, welcher zugleich als Beispiel für die sogenannte literarische Moderne dient. Wir befinden uns gerade in der Bearbeitung eines grösseren Themenblocks, bei welchem wir unter anderem die Unterschiede zwischen der literarischen Moderne und der traditionellen Literatur vergleichen. Bevor wir uns mit dem Roman ‘Der Process’ auseinandergesetzt haben, haben wir ‘Ein Doppelgänger’ von Theodor Storm, veröffentlicht 1886, gelesen. Dieser Text dient als Beispiel für die traditionelle Literatur. Aufgrund der eingeschränkten Wörteranzahl, welcher dieser Blogeintrag unterliegt, werde ich primär nur auf die Besprechungsinhalte des Unterrichtes eingehen, welche sich mit ‘Der Process’ auseinandergesetzt haben.
Josef K., die Hauptfigur in 'Der Process', ist ein unsympathischer Mensch, welcher viele Geschehnisse um sich herum oft komplett falsch einschätzt. Da wir als Leser/-innen jedoch gewissermassen die Sichtweise K.s auf die Geschichte seines Prozesses aufgesetzt bekommen, 'identifizieren' wir Leser/-innen uns teilweise trotzdem mit der Figur. Wir teilen die Verwirrung K.s, da wir nicht viel mehr über seinen Prozess erfahren als er selbst. Diese Gestaltung des Erzählens, ein sogenanntes Strukturelement einer literarisch modernen Geschichte, zeugt von der Verwendung des ‘subjektiven Erzählers’. Es handelt sich also um ein Erzähler, hier Josef K., welcher uns Leser/-innen aus seiner eigenen Sicht die Geschehnisse der Geschichte erzählt. Dabei ist wichtig zu bemerken, dass die Informationen des Erzählers nicht der «Wahrheit der erzählten Wirklichkeit» (S.2 im Dossier: Literarische Moderne) entsprechen müssen. Der Erzähler resp. die Erzählerin kann nicht mehr als ein/-e vertrauenswürdige Konstante wahrgenommen werden, welche/-r die Geschichte zuverlässig vermitteln kann. Diese Erkenntnis, welche meine Klasse und ich in einer der ersten Besprechungen von ‘Der Process’ hatten, führten zu der Grundidee der Absicht der modernen Literatur.
Die moderne Literatur hat im Gegensatz zu der traditionellen Literatur keinen Anspruch darauf, dass die konstruierte Wirklichkeit in Texten, als etwas anderes als genau das angesehen wird: Die Wirklichkeit ist nur ein Konstrukt. Durch bewusst gestaltete – und auch unrealistische – Situationen, wie z.B. die erste Begegnung K.s mit Leni beim Advokaten Dr. Huld. Die Unterredung mit Leni dauerte laut der Beschreibung im Roman maximal eine halbe Stunde, als K. jedoch das Advokatenhaus verlässt wirft K.s Onkel K. vor, er sei stundenlang weggeblieben (Vgl. S.96-100, in ‘Der Process’ von F. Kafka). Es folgen weitere Situationen, bei welchen deutlich gemacht wird, dass die Wirklichkeit im Roman nur ein Konstrukt ist, dies mit einer Absichtswirkung: Der Leser resp. die Leserin soll den vorliegenden Text kritisch hinterfragen können, dies durch distanziertes und bewusstes Lesen (S.4, Dossier: Literarische Moderne).

Immer wieder hört man wie wichtig die Klärung der eigenen Gedanken und Gefühle sei. Bei weitem machen das nicht alle Menschen. So auch Josef K. nicht. Er lebt nur für seine Arbeit und sein starrer Alltag wird erst jäh durchbrochen, als er angeklagt ist. Josef K. hatte sich jahrelang nur auf seine Arbeit in der Bank fokussiert, um die Karriereleiter hochsteigen zu können. Dabei vernachlässigte er völlig sein soziale Umfeld, d.h. er wird emotional kalt. Dieses für-die-Arbeit-leben kennt man auch heutzutage. Es gibt viele Menschen, welche quasi permanent am Arbeiten sind, sei es ein CEO einer Firma oder ein Angestellter in einem Büro oder eine Ärztin in einem Spital. Überall gibt es Menschen, die ihr Umfeld aufgrund ihrer Vertiefung in ihre Arbeit zu fest vernachlässigen. Vernachlässigen hört sich zwar vorwurfsvoll an, dies ganz bestimmt, denn ein Grossteil dieser überarbeiteten Menschen flüchten sich nicht in ihre Arbeit, weil sie ihrem sozialen Netzwerk entkommen wollen. Es ist der Wunsch von einer stabilen Grundlage, welcher dazu treibt, so viel leisten zu wollen, wie ich glaube. Der Fakt, dass unsere Gesellschaft einem starken Leistungsprinzip unterstellt ist, ist dabei keine Hilfe, um die Einstellungen der Menschen an ihrer Arbeit zu ändern. Von jedem Einzelnen wird erwartet, Leistung zu erbringen – schon in der Schule, da gute Noten einer guten schulischen Leistung entsprechen. Guten Noten sind jedoch mit zuweilen viel Zeitaufwand für das Lernen verbunden. In der Arbeitswelt sieht es ähnlich aus: Es herrscht die Erwartung an die Mitarbeiter, dass diese gute Leistung bringen müssen. Eine solch gute Leistung, wie sie verlangt wird, ist aber ebenfalls mit – oftmals zu – viel Zeitaufwand verbunden und das Privatleben der Menschen rückt in den Hintergrund. Sollte es wirklich das Ziel unserer Gesellschaft sein, nur für die Arbeit existieren? Natürlich ist das auch wieder überspitzt formuliert, aber ich sehe eine bestehende Gefahr in unserem System, dass wir alle nur noch für das System funktionieren und uns nicht mit anderen Dingen beschäftigen. Die Selbstreflexion ist aber sowohl in ‘Der Process’ als auch heutzutage ein höchst relevantes Thema. Das ist einer der Gründe, warum der Roman von Franz Kafka noch immer eine grosse Popularität geniesst, obwohl der Text bereits vor gut 100 Jahren geschrieben wurde.
Für das System funktionieren und nicht unabhängig leben können. Alles auf die Karriere fokussieren. Keinen Moment über sich selbst und sein Umfeld, sein eigenes Leben nachzudenken. Das führte zu K.s Anklage. Auch wenn Josef K.s Geschichte und die aufgebaute Wirklichkeit ein offensichtliches Konstrukt der Fantasie sind, sprechen sie ein zentrales Problem der damaligen und auch heutigen Gesellschaft an. Um auf den ersten Satz in Kafkas Roman ‘Der Process’ zurückzukommen: Man kann viel Unwissenheit über die eigenen Taten vermeiden, wenn man selbstkritisch reflektiert. K. tat dies nicht und wurde «ohne dass er etwas Böses getan hätte» (S.7, ‘der Process’ von Franz Kafka) verhaftet. Er ist sich seines ‘Fehlers’, seiner Tat nicht bewusst. In unserer Wirklichkeit wird zwar kein Gericht wie bei K. auftauchen, dennoch sollten wir alle wohl öfters über uns selbst nachdenken, um an unseren Fehlern arbeiten zu können.
Quellen
Bildquelle: Hammer Gesetz Legal - Kostenloses Bild auf Pixabay, abgerufen: 22.01.2026.
Dossier 'Literarische Moderne' von Markus Beutler, Deutschlehrer am Gymnasium Kirchenfeld.
'Der Process' von Franz Kafka, Reclam Universal-Bibliothek Nr.9676, Stuttgart 2024.