#deutsch#eigenegedanken#erziehung#interview

Die gute Erziehung und die Liebe

21. Januar 2026

Ein Essay zu bedeutenden Unterschieden der Erziehungsmethoden in den letzten fünfzig Jahren und der elterlichen Liebe zum eigenen Kind.

Oft hört man, dass der Erziehungsstil der Gen Z sich merklich von der Erziehung unterscheidet, welche die früheren Generationen, z.B. die Boomer, für ihre Kinder nutzten. In einem Interview aus einem Artikel der Zeitschrift ‘Das Magazin’ hält der Erziehungswissenschaftler Roland Reichenbach fest, inwiefern sich die Erziehung der Kinder in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Er vermutet, dass heutzutage ein grosses Bedürfnis von Seiten der Eltern besteht, von ihrem Kind geliebt zu werden. Dies hat bedeutende Auswirkungen, wie das Kind erzogen wird: «Heutzutage haben Eltern den Impuls, allein ihr Kind zu schützen» (Z.2-3). Diese Aussage von Reichenbach steht im Kontext der Schule, also wie sich die Eltern bei Problemen des Kindes mit z.B. Lehrer/-innen positionieren. Die Eltern halten nicht eine «kritische Loyalität mit der Schule» (Z. 2), sondern eine feste Loyalität zu ihrem Kind. Scheinbar ist es irrelevant, ob das Kind im Unrecht ist, denn man beschützt das Kind in jedem Fall. Unweigerlich stellt sich die Frage nach der Motivation hinter dieser vehementen und prinzipiellen Verteidigung der Interessen des Kindes. Von autoritärem Auftreten gegenüber dem Kind ist im aktuellen Erziehungsstil praktisch keine Rede. Was hat diese veränderte Haltung der Eltern für Auswirkungen auf die Erziehung des Kindes?

Zunächst möchte ich festlegen, dass man davon ausgehen kann, dass alle Eltern zu jederzeit zum Wohle ihres Kindes handeln würden. Dies ist für mich das Natürlichste, was man als Elternteil machen kann, man liebt diesen besonderen Menschen und möchte ihn selbstverständlich vor Unrecht und Schaden bewahren. Dies ist meine eigene Definition von liebenden Eltern, aber Achtung: Hier spreche ich nicht von dem Erziehungsstil, sondern von der mentalen Einstellung, welche die Eltern gegenüber ihrem Kind haben. Weiter lässt sich ein Instinkt bei Eltern feststellen, um, wie bereits erwähnt, ihr Kind vor Gefahren zu schützen. Wörter wie z.B. ‘Löwen-/ Bärenmutter’, welche besagen, dass eine Mutter ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen würde, um ihr Junges zu beschützen, werden nicht nur im Tierreich verwendet, sondern auch für Menschen. Der Erziehungswissenschaftler Reichenbach, welcher selbst Vater ist, legt offen dar, einen Beschützerinstinkt gegenüber seinem Kind zu empfinden (Z.3). Zeigt das Vorhandensein der Wörter Bärenmutter und die Beschützerinstinkte nicht deutlich auf, wie lieb die Eltern ihr Kind haben? Für mich steht klar fest, dass an der Liebe der Eltern für das eigene Kind nicht gezweifelt werden muss, egal in welchem Jahrzehnt wir uns befinden.

Quelle: pixabay

Das eigentliche Problem befindet sich woanders. Aus meiner Perspektive liegt der Unterschied der Erziehungsmethoden der letzten Jahrzehnten nicht bei der Frage, ob die Eltern das Kind lieben, sondern wie Eltern die Liebe zum Kind zeigen möchten. Könnte die Erziehung vielleicht darauf abzielen, wie man am besten die eigene Liebe dem Kind übermitteln kann? Reichenbach sagt im Interview, dass Eltern früher - er spricht von der Zeit der Fünfzigerjahre - «nicht so sehr von der Liebe ihrer Kinder abhängig waren» (Z.6). Damals ist eine von Autorität geprägte Erziehung die Norm gewesen, bei welcher klar war, wer das Sagen hat, also die Eltern. Die autoritäre Haltung kann jedoch auch in ein zu grosses Ungleichgewicht stürzen, wobei das Kind gar keine eigenen Entscheidungen und Denkweisen machen resp. entwickeln kann. Ich denke, das ist die grosse Schwierigkeit bei einer strengen, aber fairen Erziehung, wo einem Kind zwar klare Grenzen und Regeln gesetzt werden, jedoch auch Freiheiten gewährt sind, um eine gute Balance zu finden. Im Gegensatz zur autoritären Erziehung der Fünfzigerjahren steht der heutige und somit aktuelle Erziehungsstil, welcher «auf Augenhöhe mit dem Kind» (Z.15) priorisiert. Reichenbach mag diesen Ausdruck nicht, weil er impliziert, dass es keine Asymmetrie zwischen Kind und Eltern gibt. In Wahrheit gibt es eine Asymmetrie, wie Reichenbach weiter festhält. An diesem Punkt stellt sich für mich die Frage, warum einige Eltern so tun, als existiere es keine Asymmetrie zwischen ihnen und ihrem Kind? Vielleicht versprechen sie sich so eine grössere Zuneigung des Kindes, da man diesem den Eindruck vermittelt: Ja, ich sehe dich als ebenbürtig an, ich lasse dich mitentscheiden und bitte dich Aufgaben zu tun, anstatt diese von dir zu verlangen. Doch meiner Ansicht nach ist das kein guter Ansatz, um die Liebe des Kindes zu gewinnen. Ich spreche hier aus eigener Erfahrung, denn ich habe eine eher strenge Erziehung genossen, bei welcher es durchaus Regeln und Grenzen gab, die ich einhalten musste. Und dennoch hat die Tatsache, dass meine Eltern eher autoritär waren, nie zum Gedanken geführt, dass sie mich nicht lieben.

Keine Regeln zu haben und auf Augenhöhe mit dem Kind sein - also die Asymmetrie zwischen Kind und Eltern zu ignorieren - führt nicht zur guten und liebevollen Beziehung zwischen Eltern und Kind. Ich denke, dass diese Erziehungsmethode kontraproduktiv ist. Das Kind lernt, dass es alles machen darf, was es möchte, da die Eltern nie etwas anderes vermittelt haben. Die Realität sieht anders aus, weil man in der Gesellschaft Verbote und Ablehnungen von Anliegen akzeptieren können muss. Ich sehe die Gefahr, dass das Kind keinerlei Respekt entwickelt, weder den Eltern gegenüber noch anderen Personen. Wenn dann ein Verbot von Seiten der Eltern kommt, weiss das Kind nicht damit umzugehen und dies könnte in kompletten Ungehorsam gegenüber den Eltern umschwenken. Das Ziel, möglichst viel Liebe vom Kind zu erhalten, ist damit gescheitert.

Abschliessend halte ich fest, dass ein Kind gewisse Regeln und Grenzen, die die Eltern festlegen müssen, braucht, um respektvolles Verhalten lernen zu können. So kann ein gutes Miteinander in der Gesellschaft funktionieren. Zwar wünsche ich mir, genauso wie der Erziehungswissenschaftler Reichenbach, nicht eine dermassen autoritäre Erziehung zurück, wie sie in den Fünfziger benutzt wurde, jedoch spreche ich mich klar gegen die heutige, sehr lockere Erziehung aus. Sie wirkt kontraproduktiv, denn das ‘plötzliche’ Aufstellen von Regeln, die es zuvor nicht gab, beim Kind Unverständnis auslösen. Das wirkt sich negativ auf die Eltern-Kind-Beziehung aus. Ich würde eine Erziehungsmethode bevorzugen, welche zwar autoritärer Natur ist, dem Kind jedoch genug Freiraum für eigene Entscheidungen lässt, gewissermassen ein Mix zwischen den im Essay angeschnittenen Erziehungsmethoden. Man muss jedoch verstehen, dass die Erziehung des eigenen Kindes viele persönliche Entscheidungen mit sich trägt und trotz aller Ratschläge und Empfehlungen der Wissenschaft das letzte Wort die Eltern haben. Sie sind diejenigen, die entscheiden, wie ihr eigenes Kind erzogen wird.


Quellen