#deutsch#eigenegedanken#geschichte#faschismus

Faschismus als (un)sichtbarer Teil der Gesellschaft

22. April 2026

«Viel Meinung, wenig Wissen!» Diese Worte kann man zu Beginn meiner Unterrichtsnotizen zum Thema ‹Holocaust› lesen. Mitte Februar dieses Jahres haben meine Klasse und ich unseren letzten Themenblock im Fach Deutsch vor Beginn der Maturprüfungen in Angriff genommen. Der Themenblock beinhaltete einen vereinfachten und allgemeinen Überblick zum Thema des Faschismus. Die Grundlagen bildeten dabei Textauszüge einer Rede, geschrieben von Umberto Eco, einem berühmten italienischen Autor. Die Rede wurde unter dem Namen «Der ewige Faschismus» im Jahr 1995 veröffentlicht. Zudem haben wir einen Erinnerungsbericht einer KZ-Inhaftierten aus dem Zweiten Weltkrieg gelesen, das Buch von Anita Lasker-Wallfisch «Ihr sollt die Wahrheit erben». Das Thema sollte uns die ideologischen Motive hinter den Massenmorden der Nazis an den Juden näherbringen. Ganz im Sinne einer Bekämpfung von «Viel Meinung, wenig Wissen!», denn das Ziel war, mehr Wissen über den Faschismus und seine Auswirkungen zu erlangen, also «Viel Meinung mit mehr Wissen!». In diesem Blogeintrag möchte ich auf das Teilthema der Definition von Faschismus eingehen, genauer gesagt auf die Rede von Umberto Eco.

Grob zusammengefasst handelt die Rede von Eco vom gesellschaftlichen Umgang mit dem Faschismus und warnt davor, dass bei ungenügender Wachsamkeit, die vom Faschismus ausgehende Bedrohung in Vergessenheit geraten könnte. Dabei ist es wichtig, auf die typischen Merkmale des sogenannten Ur-Faschismus zu achten, um beispielsweise faschistische Züge einer politischen Regierung erkennen zu können.

Der Ur-Faschismus ist eine Art Ausgangslage, von welcher aus sich viele Arten des Faschismus ausbreiten können. Zudem unterscheidet sich der Ur-Faschismus vom historischen Faschismus, beispielsweise vom italienischen Faschismus. Die von Umberto Eco beschriebenen Merkmale des Ur-Faschismus sind nicht alle gleich ausgeprägt im ital. Faschismus zu finden.

Zudem macht Eco darauf aufmerksam, dass die Fixierung auf spezielle historische Ereignisse die Gefahr birgt, zu engstirnig über den Faschismus zu denken. Genauer erklärt heisst das, dass historische Ereignisse, wie z.B. der deutsche Nationalsozialismus, als Definition für den Faschismus allgemein verwendet werden. Jedoch ist der Nationalsozialismus nur eine bestimmte Form des Faschismus und steht nicht stellvertretend für alle Formen, welche faschistische Regime annehmen können. Die Behauptung, dass etwas wie zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges sich so niemals wiederholen wird und somit auch der Faschismus niemals zurückkehren wird, ist demnach falsch. Der Faschismus kann jederzeit in anderer Form wiederkehren.

Umberto Ecos Text listet insgesamt 14 Merkmale zur Erkennung des Faschismus auf. Aus Zeit- und Platzgründen gehe ich nicht auf alle Merkmale ein, sondern stelle hier zwei für mich relevante Merkmale auf:

1.      Ablehnung der Moderne

Die Ablehnung der Moderne bezieht sich nicht auf technische Errungenschaften. Was im Faschismus klar abgelehnt wird, sind die Erkenntnisse und Ideen der Aufklärung. Ideen wie Vernunft und die grosse Bedeutung der Bildung sind aus dieser Epoche entsprungen.

2.      Appell an die Fremdenfeindlichkeit

Um ein Gefühl von Zugehörigkeit und Identität zu erschaffen, greift man auf den Nationalismus zurück. Schon in einem bestimmten Land geboren zu sein, kreiert Identität. Diese Identität wird nun aber von ‹Fremden, Migranten und Feinden› bedroht und Verschwörungen verstärken dieses Gefühl umso mehr.

Weitere Merkmale folgen in der Liste, doch nicht alle Merkmale müssen auf ein Regime zutreffen, um dieses als faschistisch bezeichnen zu können. Diese Liste der Merkmale ist lediglich eines von vielen Modellen, welche helfen, zu verstehen, was Faschismus ist und woran man faschistische Regime potenziell erkennen kann.

Quelle: La Domenica del Corriere (2 Oct 1938) - Italienischer Faschismus – Wikipedia, abgerufen am 22.04.2026.

Sobald ich auf ‹Enter› drücke, flutet die Suchmaschine mich schon mit Bildern aus dem Zweiten Weltkrieg, genauer gesagt vom damaligen faschistischen Italien. Unzählige Aufnahmen des Diktators Benito Mussolini, der italienischen Armee und des typischen Symbols der italienischen Faschisten, ein Holzbündel mit einer Axtklinge, tauchen auf meinem Bildschirm auf. Mein Blick wandert prüfend zum Suchfeld, doch da habe ich nur den Begriff ‹Faschismus› eingetippt, ohne Wörter wie Italien, Diktator, Benito Mussolini, Zweiter Weltkrieg oder sonstiges zu ergänzen. Verwundert hebe ich die Augenbrauen, denn im Deutschunterricht habe ich gelernt, dass der Faschismus viele Formen annehmen kann, und doch scheint es, als ob der italienische Faschismus eine allgemeine Definition für die Ideologie ‹Faschismus› geworden ist. Der italienische Faschismus, welcher, wie mir aus dem Italienischkurs einfällt, von 1919 bis 1945 in Italien herrschte, kann nicht als allgemeines Beispiel verwendet werden! Und doch zeigen fast alle Bilder den ‹Duce› Benito Mussolini, auch wenn ich ein paar Mal das Hakenkreuz, eines der typischen deutschen Nazisymbole, erkennen kann.

In Gedanken versuche ich mir die Unterschiede zwischen dem deutschen Nationalsozialismus und dem italienischen Faschismus klarzumachen. Wie meine Klasse und ich das vor einigen Wochen besprochen hatten, basierend auf dem Text von Umberto Eco zu den Merkmalen des Ur-Faschismus, gibt es sowohl Ähnlichkeiten als auch Unterschiede zwischen den faschistischen Regimen. Ich entschliesse mich zu einer weiteren Internetrecherche, um mehr Grundwissen zu sammeln. Nach einigem Suchen stosse ich unerwartet auf den Namen Stanley G. Payne. Ich klicke auf den angegebenen Wikipedia-Artikel. Payne ist ein amerikanischer Historiker, welcher sich auf europäische faschistische Bewegungen spezialisiert hat, doch etwas anderes zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Payne hatte ebenfalls eine ‹typologische Beschreibung des Faschismus› verfasst.

Viele der Merkmale, z. B. die Festlegung auf traditionelle Prinzipien, die Schaffung eines Kults durch Vermischung verschiedener Traditionen und die starke Verankerung und auch Normalisierung von Krieg und Gewalt, finden sich sowohl in Paynes als auch in Ecos Auflistungen wieder. Und ein Punkt sticht nun klar aus den Merkmalen Paynes heraus und ist einer der grossen Unterschiede zwischen dem italienischen Faschismus und dem deutschen Nationalsozialismus: das Ziel einer ‹radikalen Veränderung der Nation zu anderen Mächten›. Während die Nazis ein klares Feindbild aufbauten und gezielt Juden vernichten wollten, lag dem italienischen Faschismus von Anfang an eine andere Ausgangslage zugrunde, welche vielleicht verhinderte, dass sich in Italien ebenfalls ein solch extremes Feindbild aufbauen konnte. In Italien erlebten die faschistischen Bewegungen nach dem Ersten Weltkrieg einen grossen Zulauf, und aufgrund bestehender politischer Probleme und eines schwachen italienischen Staates gelangte der Duce Benito Mussolini schnell an die Macht. Im Vergleich dazu Deutschland, wo nach dem Ersten Weltkrieg zunächst die Weimarer Republik, eine Demokratie, herrschte. Die Demokratie per se war ein stabiles Konstrukt, mit einer Verfassung, das wusste ich noch vom Geschichtsunterricht. Und doch kam es zum Machtwechsel und die Nazis regierten fortan über Deutschland. Zwei völlig verschiedene Ausgangslagen führten zu einem Ausgang: ein faschistisches Regime übernahm die Macht.

Seufzend lehne ich mich in den Stuhl zurück. Einmal mehr ist mir vor Augen geführt worden, warum die Warnung von Umberto Eco, nicht den Faschismus zu vergessen, auf keinen Fall ignoriert werden sollte. Aus völlig verschiedenen Ausgangslagen kann ein solches politisches Konstrukt entstehen…


Quellen